Wenn Vergesslichkeit zur Krankheit WIRD - Starstube

Wenn Vergesslichkeit zur Krankheit WIRD

Wenn Vergesslichkeit zur Krankheit WIRD

In Österreich leben rund 150.000 Menschen mit Demenz, bis 2050 werden es voraussichtlich doppelt so viele sein. Eine Herausforderung für die Forschung und die Angehörigen.

Schon wieder den Schlüssel verlegt! Der Name dieses Politikers, jenes Schauspielers fällt einem nicht und nicht ein. Und jetzt hat man doch glatt wieder den Anruf vergessen… Vorweg: Nicht jede Vergesslichkeit ist gleich Alzheimer. Dahinter kann auch „nur“ Stress, Überforderung, ein bestimmtes Medikament oder Informationsüberflutung stecken. Ebenso können Depressionen, Schilddrüsenstörungen oder Vitamin-B12-Mangel-Ursachen für kognitive Aussetzer sein.

Wenn sich aber Erinnerungslücken und Verlegen von Gegenständen häufen, wenn sich Sprachstörungen oder Probleme bei gewohnten Abläufen zeigen, wenn Orientierungslosigkeit oder zeitliche Verwirrung auftreten oder wenn eine erhebliche der Urteilsfähigkeit oder Verhaltensänderungen bemerkt werden, dann sollten alle Alarmglocken schrillen. Eine Bemerkung zu den Verhaltensänderungen: Die zunehmende Reaktionsfähigkeit und Orientierungslosigkeit verwirren und ängstigen die Betroffenen, sie oft mit Aggression, Abwehr, Depression oder Rückzug.

Hausarzt als erste Anlaufstelle. In jedem Fall sollte der Hausarzt aufgesucht werden. Er wird bei Bedarf eine Überweisung an einen Neurologen oder an eine Gedächtnisambulanz schreiben. Hier wird unter anderem ein Neurostatus erhoben, ausführlich neuropsychologische Tests und klinische sowie neurologische Untersuchungen durchgeführt, respektive veranlasst. Dazu gehören mitunter Blut- und Urinproben, Lumbalpunktion (Untersuchung des Nervenwassers), bildgebende Verfahren wie CT, MRT oder PET (Positronen-Emissions-Tomografie). „Das passiert meist alles ambulant. Wir erfassen da viele Patienten in einem frühen Stadium“, sagt Elisabeth Stögmann, Neurologin, Forscherin und Leiterin der Ambulanz für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen am AKH Wien. An einer Gedächtnisambulanz werden aber nicht nur Diagnosen gestellt es werden auch Beratung, Hilfestellung und Therapien angeboten.

Der Lebensstil in jüngeren und mittleren Jahren spielt eine Rolle, ob und wann man an Demenz erkrankt.

Alzheimer als häufigste Form. In Österreich leben derzeit etwa 150.000 Menschen mit demenzieller Erkrankung. „Der Großteil wird von Angehörigen gepflegt, meist von Frauen“, weiß Stögmann. Bis 2050 soll sich Schätzungen zufolge die Zahl der Demenzkranken verdoppeln. Die mit häufigste Form ist Morbus Alzheimer. Als Hauptursachen gelten Ablagerungen im Gehirn (Beta-Amyloid und Tau-Proteine), auch ein Mangel am Nervenbotenstoff Acetylcholin kann eine Rolle spielen. Es kommt zu fortschreitendem Verlust von Neuronen und ihren Verbindungen. Betroffen sind vor allem jene Hirnregionen, die für Gedächtnis, Denken, Sprache und Orientierung zuständig sind, also die Großhirnrinde und der Hippocampus. Das Spätstadium einer Erkrankung zeigt ein trauriges Bild: vollkommene Pflegebedürftigkeit, totale Abhängigkeit, auch engste Angehörige werden meistens nicht mehr erkannt, der Wortschatz ist massiv eingeschränkt, Betroffene können auch Schmerzen nicht mehr richtig artikulieren.

Durchblutungsstörungen. Nach Alzheimer ist die vaskuläre Demenz die zweithäufigste Form einer demenziellen Erkrankung. Hier ist eine Durchblutungsstörung die Ursache. Stögmann: „Häufig kommen gleichzeitig beide Formen vor, vor allem bei älteren Menschen.“ Außerdem gibt es unter anderem noch die Lewy-Body- sowie die frontotemporale Demenz. Einigen Hirnleistungsstörungen liegen andere Krankheiten wie eine Schilddrüsenfehlfunktion oder eine schwere Herzschwäche zu Gründen vor. Beseitigt man die Grunderkrankung, verschwindet häufig auch die Demenz. „Auch eine Auslegung der Liquorräume, wie sie beim sogenannten Normaldruck-Hydrocephalus vorkommt, kann zur Demenz führen.

Dies ist dann eine der wenigen behandelbaren Formen der Demenz“, sagt Peter Kapeller, Leiter der Neurologie am LKH Villach.
Egal, um welche Hirnveränderung es sich handelt, Betroffene sind und bleiben Menschen mit eigener Persönlichkeit, eigener Geschichte und eigenen Gefühlen. Ein wertschätzender Umgang mit diesen Menschen kann sich wahrscheinlich als Teil einer ganzheitlichen Therapie erweisen. Denn reagiert man beispielsweise auf immer dieselbe Frage mit Kritik oder Zurechtweisung, wird das Patienten nur kränken oder verunsichern. Freilich mag es für Angehörige nervend sein, wenn sie im Stakkato hundert Mal dieselbe Frage gestellt bekam: Der demenziell Erkrankte macht es nicht böswillig, er hat es nach einer Minute wieder vergessen, das Kurzzeitgedächtnis ist mehr oder weniger enttschwunden.

Die gute Nachricht für alle Jüngeren: Einer Demenz lässt sich auf verschiedene Art und Weise vorbeugen. Genetische Faktoren, die auch eine Rolle spielen, kann man ja nicht beeinflussen; aber sehr wohl den Lebensstil und einige ausschlaggebende Risikofaktoren. Der Lebensstil in jüngeren und mittleren Jahren ist mitentscheidend, ob und wann man später an einer Hirnleistungsstörung erkrankt. Bis zu 40 Prozent aller demenziellen Erkrankungen können laut medizinischer Universität Wien durch das verhindert werden identifizierter Risikofaktoren und durch den richtigen Lebensstil verhindert werden.

Rolle der Ernährung. Auf eine ähnliche Zahl, nämlich 36,9 Prozent, kommt die BRFSS-Erhebung (Behavioral Risk Factor Surveillance System), bei der Daten von 378.615 US-Bürgern über 18 Jahre erfasst wurden. Stichwort Lebensstil: Da hat unter anderem die Ernährung keinen unwesentlichen Einfluss. Angeraten ist die Mittelmeerkost, also viel Obst und Gemüse, pflanzliches Öl, wenig (rotes) Fleisch, mehr fetten Fisch, der vor allem mit seinem Reichtum am Omega-3-Fettsäuren punktet. Ein Achterl Wein am Tag darf wahrscheinlich sein, zu viel Alkohol aber schadet der Denkzentrale.
Mindestens ebenso wichtig ist die körperliche Inaktivität fördert Demenz. Kognitive Aktivität stellt einen Schutzfaktor dar. Menschen mit höherer Schulbildung, die ihren Geist nicht rosten lassen, sind eher vor einer Demenz gefeit. Auch ein intaktes soziales Umfeld kann für ein Mehr an Kognition sorgen. Vereinsamung hingegen ist ein echter Risikofaktor für Alzheimer. Experten raten darum: Bereits in jungen Jahren ein soziales Netzwerk aufzubauen und Freundschaften zu pflegen. Zu den weiteren Risikofaktoren gehören unter anderem Bluthochdruck, Adipositas, Diabetes, hohe Cholesterinwerte, Gefäßverkalkung, Rauchen. „Wenn man Bluthochdruck, Diabetes und Adipositas bereits mit 40, 45 Jahren erfolgreich behandelt, ist das eine wunderbare Prophylaxe gegen Demenz“, rät Kapeller. Allein damit könne man 30 Prozent aller Demenzfälle verhindern.

Heilung noch nicht möglich. Die Nachricht nach Jahren intensiver Forschung: Alzheimer ist nach wie vor nicht heilbar. Die am Markt befindlichen Medikamente (Antidementiva) können zwar den Krankheitsverlauf verzögern und Symptome bis zu einem gewissen Grad lindern, bleiben aber symptomatischer Natur.

Betrachtet man die Kausaler Therapie, gibt es einen Silberstreif am Horizont: Monoklonale Antikörper sollen in der Lage sein, die bösen Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn zu reduzieren. In den USA ist eines dieser Alzheimer-Medikamente bereits zugelassen, allerdings mit Auflagen. „Denn“, so Peter Dal-Bianco, jüngster wieder zum Präsidenten der österreichischen Alzheimer-Gesellschaft gewählt, „es ist zwar nachgewiesen, dass dieses sehr teure Medikament die Plaques im Gehirn abräumen kann, hat das allerdings nur bei einem Teil der Patienten zu Erkenntnisn Verbesserungen geführt, bei den anderen gab es keinerlei klinische Besserungen.“ Daher hat die EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur) keine Zulassung erteilt. Dal-Bianco: „Der europäische Standpunkt ist, dass man nichts davon habe, wenn das Gehirn schön ausschaut, viele Patienten aber nicht profitieren.“ Ein weiterer Pferdefuß bei den neuen Medikamenten: Sie können Hirnblutungen und -schwellungen verursachen. Und es gibt auch Alzheimer-Patienten ohne Amyloid-Ablagerungen und wirksam sind derlei Antikörper nur bei beginnendem Alzheimer, im fortgeschrittenen Stadium sind sie nach derzeitiger Wissenslage nutzlos. „Dennoch“, so Dal-Bianco, „könnten sie viele, noch nicht schwer erkrankte Menschen mit Amyloid-Ablagerungen im Gehirn vor einer Demenz bewahren, das wäre schon ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung.“

Neben den Medikamenten gibt es eine andere Maßnahme, die den Gedächtnisverlust einbremst und die Lebensqualität der erkrankten Menschen bessern kann. „Ganz wichtig ist Bewegung, die ist auch im Sitzen oder Liegen möglich“, betont Sandra Rabitsch, Neuropsychologin an der Gedächtnisambulanz des LKH Villach. Noch effizienter sei es, so Rabitsch, wenn man körperliche Aktivität (etwa Spazieren) mit geistiger Aktivität (zum Beispiel ABC-Spiele) verbindet. Außerdem nutzen es kostenlose Trainingsprogramme und Apps. „Da kann man personenbezogene Fotos, etwa von Enkeln oder Haustieren, machen und damit Spiele wie Memory, Karten oder Puzzles kreieren.“ Biografische Bezüge seien für Patienten mit demenzieller Erkrankung erhellende Stützen im Dunkel der Vergesslichkeit. Im Mittelpunkt aller nicht medikamentöser Therapien, von denen es noch jede Menge gibt, steht immer der Mensch. Rabitsch: „Man sollte sich auf die Stärken des Patienten konzentrieren, auf das, was noch möglich ist, und sich keinesfalls auf die Defizite fokussieren.“ So kann ein für beide Seiten weitgehend harmonisches Miteinander gelingen. Und eines darf nie vergessen werden: Der seiner kognitiven Fähigkeiten berraubte Demenzkranke lebt umso stärker in seiner Gefühlswelt. Und Gefühle, die bleiben. Bis zum Schluß.

Buch-Tipps

Ratgeber für Angehörige und Prävention
Ein hilfreicher und einfühlsamer Ratgeber für alle, die mit Menschen mit demenzieller Erkrankung zu tun haben, ist „Die Weisheit der Demenz. Wegweiser zum würdevollen Umgang mit desorientierten Menschen“. Von Hildegard Nachum, Kneipp-Verlag, 25.

In einem Ratgeber für Angehörige wird Jo Eckardt aufzeigen, wie man Demenzkranken am besten zur Seite stehen und deren Lebensfreude erhalten kann; „Gespräche bei Demenz und Alzheimer. Gute Kommunikation mit Erkrankten, Ärzten und Pflegepersonal“, Dudenverlag, 10 .

Ein möglicher Weg der persönlichen Demenz-Prävention empfiehlt der Wiener Allergologe Reinhart Jarisch in seinem Buch: „Spermidin. Stark gegen Demenz. Das Anti-Aging-Wunder aus der Natur: geistig fit bis ins hohe Alter“, Trias Verlag, 18,50.

Wer sich über Essen und Alzheimer und Co. informieren möchte, könnte dies mit folgendem Buch tun: „Ernährungsrat müssengeber Demenz. Gedächtnisverlust vorbeugen und verlangsamen. Alles, was Sie wissen“, Miriam Schaufler, Humboldt-Verlag, 20,60.

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