Was die neue Coronavariante BQ.1.1 bedeutet - Starstube

Was die neue Coronavariante BQ.1.1 bedeutet

Was die neue Coronavariante BQ.1.1 bedeutet

Stand: 27.10.2022 14:39 Uhr

Die neue Coronavariante BQ.1.1 breitet sich in Deutschland langsam aus. Im Vorstellungsgespräch mit tagesschau.de erklärt der Bioinformatiker Neher, was das für den Winter bedeuten kann und wie Virusvarianten überhaupt erst entstehen.

tagesschau. de: Wie verbreitet ist die neue Coronavariante und was zeichnet sie aus?

Richard Neher: Die sogenannte BQ.1.1-Variante hat sich an einer Reihe von Positionen im Genom verändert und scheint sich gerade in Teilen Europas durchzusetzen. Sie stammt ab von den Varianten, die hier schon im Sommer zirkulierten. Allerdings gibt es es zusätzlich zu den Mutationen, die diese Varianten vom Sommer hatten, eine Reihe weiterer Mutationen an Positionen, die es BQ.1.1 erlauben, zumindest teilweise existierende Immunantwort der Menschen zu unterlaufen.

tagesschau. de: Bedeutet das also, dass sich auch dreimal Geimpfte, die eventuell zusätzlich noch eine Infektion durchgemacht haben, trotzdem noch anstecken can?

Neher: Das Virus mutiert gerade an den Stellen, an denen Antikörper an das Spike-Protein binden. Und wenn das Virus sich an diesen Stellen verändert, dann binden diese Antikörper, die wir zum Beispiel durch Impfungen oder überstandene Infektionen gebildet haben, nicht mehr so ​​gut. Die werden auch nicht mehr so ​​gut erkannt und Viren können dann zu einer Infektion führen, obwohl die Antikörper im Grunde da sind.

„Hat einen Übertragungsvorteil“, Richard Neher, Bioinformatiker, Universität Basel, zur neuen Corona-Virusvariante

tagesschau24 11:00 Uhr, 27.10.2022

tagesschau. de: Was würde das denn dann für die nächsten Wochen und vielleicht sogar den Winter bedeuten?

Neher: Diese Variante hat wieder einen größeren Teil der Bevölkerung zur Verfügung, den sie infizieren kann. Und dadurch, dass sie diese größere Zahl an potenziellen Wirten hat, hat sie einen Übertragungsvorteil, breitet sich schneller aus und könnte zu einer weiteren Welle irgendwann im November führen.

Wir sehen zum Beispiel in Frankreich, dass diese Variante jetzt schon sehr häufig ist und sich alle ein bis zwei Wochen in der Häufigkeit wiederholt. Und aus dieser Rate der Steigerung kann man abschätzen, wann die Welle kommt. Abzuschätzen, wie hoch sie am Ende wird, ist dagegen um einiges schwerer.

tagesschau. de: Gibt es auch schon Zahlen für Deutschland?

Neher: Dadurch, dass wir diese Viren in großem Stil sequenzieren, haben wir einen relativ guten Überblick, wie viele Viren jeder Variante in jeder Kalenderwoche unterwegs sind. Und da sehen wir seit einigen Wochen jetzt, dass BQ.1.1 sukzessiv zunimmt und sich ebenfalls alle ein bis zwei Wochen ungefähr eine Häufigkeit wiederholt.

tagesschau. de: Sie sind Spezialist für Virus-Evolution. Was bedeutet es denn genau, wenn ein Virus mutiert? Und wie stellen sie diese winzigen Veränderungen fest?

Neher: Wir haben inzwischen Sequenziertechnologien, mit denen man die Abfolge der Basen sehr schnell entschlüsseln kann. Das heißt, wir haben allein in Deutschland Tausend bis Hunderttausende von diesen Virus-Genomen entschlüsselt, Millionen auf der ganzen Welt. Und diese Sequenzen kann man dann und vergleichen, welche Positionen im Genom es Veränderungen gegeben hat.

tagesschau. de: Viele Menschen haben wahrscheinlich das Gefühl, dass ständig neue Mutationen aufkommen. Ist das Coronavirus denn ein besonders mutationsfreudiges Virus oder ist das im Vergleich zu anderen Erregern normal?

Neher: Das Virus verändert sich sicherlich sehr schnell. Man muss aber zwei Dinge unterscheiden: Auf der einen Seite ist die Mutationsrate, das heißt die Rate der Programmierfehler im Genom, für Coronaviren gar nicht so hoch. Aber das Virus ist unter sehr starkem Druck, sich zu verändern, und das führt zu der schnellen Anhäufung von diesen Mutationen, die direkt oben im Spike-Protein sind, wo die einem Antikörper das Virus erkennen. Also, was wir sehen, ist tatsächlich eine ausgesprochene schnelle Evolution, eine schnelle Adaption, eine selektierte Veränderung des Virus, um der Immunantwort zu entkommen.

tagesschau. de: Müssen wir dann eigentlich alle paar Monate einen neuen Impfstoff anpassen?

Neher: Bei der Grippe WIRD der Impfstoff ja bereits jedes Jahr aktualisiert und wir starten im Herbst eine Impfkampagne und schützen gerade Risikogruppen mit einer neuen, angepassten Impfung. Bei Corona sind wir ein bisschen in einer ähnlichen Situation, nur dass sich dieses Virus noch um einiges schneller verändert und wir nicht nur eine Welle pro Jahr haben, sondern mehrere.

tagesschau. de: Ist es möglich, dass sich das Virus so sehr verändert, dass es komplett alle Impfungen ausweichen kann?

Neher: Das haben wir bisher nicht beobachtet und so etwas erwarten wir auch nicht. Fast jeder hat jetzt in einer gewissen Art Immunität, sei es durch Impfungen oder durch eine überstandene Infektion. Und diese Immunität, die geht auch nicht wieder weg. Das heißt, wir erwarten nicht wieder diese schweren Verläufe, die es zum Beginn gab, als noch überhaupt keine Immunität in der Bevölkerung vorhanden war.

Das Gespräch führt Anja Martini, Wissenschaftsredakteurin tagesschau

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