Magath hackt Holz, die Hertha-Probleme bleiben - Starstube

Magath hackt Holz, die Hertha-Probleme bleiben

Magath hackt Holz, die Hertha-Probleme bleiben

Chaostage im Westend
Magath hackt Holz, die Hertha-Probleme bleiben

Von Stephan Uersfeld, Berlin

Hertha BSC spielt weiter Bundesliga. Das ist die wohl beste Nachricht für den Klub aus dem Berliner Westend seit langer Zeit. Doch Zeit, den Erfolg zu genießen, bleibt wenig. Das 2:0 beim Hamburger SV ist nur das Startsignal für einen kompletten Umbruch. Hertha steht vor einschneidenden Wochen.

Für Felix Magath war es vorbei. Nach gut zwei Monaten als Trainer von Hertha BSC wollte der 68-Jährige nur noch „nach Hause gehen und Holz hacken“. Der Mann, der mit dem VfL Wolfsburg 2009 eine spektakuläre Meisterschaft errungen hatte, sprach von der „schwierigsten Aufgabe“ seiner Karriere. „Meine Aufgabe war, den Klassenerhalt zu schaffen – das ist passiert. Von daher ist alles gut gesagt“, er und verschwand sodann zurück zu seiner neuen Beschäftigung. Was jetzt in Berlin passiert, das hat ihn nicht mehr zu interessieren. Er wird es in den Nachrichten verfolgen. Für den verbliebenen Rest des Personals beginnen wilde Zeiten.

„Wir müssen Ruhe reinbringen in den Verein“, appellierte Kevin-Prince Boateng, der sich mit seinen 90 Minuten in Hamburg und seinen anschließenden Interviews für die Rolle einer Vereinsikone beworben hatte, nach dem geglückten Klassenerhalt. Das aber ist so eine Sache bei Hertha. Stand jetzt stehen sie ohne Trainer, wohl ohne Präsidenten und mit nur einem dauerhaften in Berlin bleibenden Geschäftsführer, Fredi Bobic, da, nachdem im vergangenen Jahr bereits Carsten Schmidt aus persönlichen Gründen zurückgetreten war.

Auch Bobic ist in die Kritik geraten. Mit zahlreichen Mitarbeitern war er im Sommer 2021 im Berliner Westend gelandet und hatte sich damit auf der Geschäftsstelle nicht nur Freunde gemacht. Seine Transfers, die er gemeinsam mit dem mitgebrachten Dirk Dufner, tätigte, floppten fast alle und waren mit einem Grund für den Abstiegskampf, in der Hertha so richtig erst mit dem von Bobic installierten Tayfun Korkut geriet, und der dann durch Felix Magath und seinen Schotten Assistenten Mark Fotheringham gerade noch so im Ergebnis erfolgreich gestaltet werden konnte. Der Kader steht jetzt, wie der Rest des Klubs, auf dem Prüfstand.

Verwirrung um Präsident Gegenbauer

Kein Posten gilt nach diesen drei Jahren nach dem Sommer 2019, in dem das Geld kam, als sicher. Vom Präsidenten bis zur Geschäftsführung. Den Anfang macht der Finanzchef Ingo Schiller, der den Klub nach über 20 Jahren verlassen wird, wie der „Tagesspiegel“ kurz nach Abpfiff der Partie im Hamburger Volksparkstadion berichtete und der Verein am Morgen nach dem Erfolg in der Relegation bestätigte. Er wird den Klub zum 31. Oktober 2022 verlassen.

Bereits Tage vor dem entscheidenden Spiel war in Berlin zu hören, dass Präsident Werner Gegenbauer einen Abwahlantrag auf die Mitgliederversammlung zuvorkommen will. Mit seinem von mehreren Medien erst vermeldeten Rücktritt am Dienstag bestätigte sich dann das tagelange Geschnatter in der Hauptstadt. Auch wenn der Klub die Meldungen wenig später dementierte, bleibt ein Verharren im Amt in etwa so wahrscheinlich wie eine Meisterschaft der Hertha in der kommenden Spielzeit. „Er ist unser Präsident, aktuell“, kommentierte Geschäftsführer Fredi Bobic am frühen Nachmittag die Verwirrung um den Rückzug. Wenige Stunden später verkündete Hertha dann den Rücktritt.

Der Abgang des 71-Jährigen, der den Klub seit 2008 geführt hatte, wird – ganz im Gegensatz zu seinem öffentlichen Schweigen in den letzten Monaten – womöglich kein leiser sein. Ein letztes Mal könnte er die Öffentlichkeit suchen und sich zum Konflikt mit Investor Lars Windhorst äußern. Dessen ab Sommer 2019 in mehreren Tranchen überwiesene 375 Millionen Euro hatten aus einer grauen Maus einen Big City Club gemacht. Nur nicht aus sportlichen Gründen, sondern weil man ein erschreckendes Spiel aufführte. Während der Zerfall der Mannschaft eklatant war, sicherte sich der Klub für alle die falschen Gründe, trotzdem die Schlagzeilen. Das Geld war dem Klub dabei in den Händen zerronnen. Nichts blieb übrig.

Mehrfache Trainerwechsel einschließlich des Chaos rund um Jürgen Klinsmann waren der Ausgangspunkt einer bis zum heutigen Tag andauernden Seifenoper, die seltene Gewinner kannte und mehrfach den Einblick in immer dunklere Abgründe gewährte.

War Werk Windhorst?

Gegenbauer und Windhorst waren in den letzten drei Jahren so schicksalhaft miteinander verwoben. Während zwischen ihnen ein Angreifer Machtkampf entbrannte, schüttelten die meisten nur noch mit dem Kopf. Zuletzt prangte ein gigantisches „Windhorst und Gegenbauer raus“-Banner über der Ostkurve im Berliner Olympiastadion. Die Fans hatten genug. Genug vom Machtkampf um ihren Verein, der ihnen im Rest der Republik nur Häme und Spott und in Berlin den Verlust der Vorherrschaft an den Köpenicker Rivalen Union Berlin eingebracht hatte.

Sie hatten genug vom Schweigen des Strippenziehers Gegenbauer und von den Störfeuern des Investors, der sich nach dem Sieg gegen Hoffenheim im ersten Spiel unter Felix Magath lautstark via „Bild“ meldete und die aufkommende Hoffnung auf entspanntere Wochen bis zum Saisonende sofort zerstörte.

Die am Sonntag anstehende Mitgliederversammlung wird ganz im Zeichen des Chaos stehen. Inwiefern Windhorst bei diesem Eine Rolle spielen WIRD, ist noch unklar. Als gesichert gilt, dass der Investor sich dort öffentlich äußern WIRD. Ob er jedoch auch einen Präsidentschaftskandidaten ins Rennen schickt, kann noch nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden. Ausgeschlossen ist es jedoch nicht.

Die Kandidaten

Öffentlich den Hut in den Ring geworfen für die Gegenbauer-Nachfolge haben bisher nur wenige Kandidaten. In Stellung gebracht hat sich bereits Kay Bernstein, ein früherer Ultra und heutiger Unternehmer. Andere Namen wie die des Aufsichtsrats Jörn Klein und des Vizepräsidenten Thorsten Manske wabern im Vereinsumfeld herum. Windhorst hat laut eigenem Bekunden kein Interesse an dem Posten, und wohl auch kaum eine realistische Chance.

Der 41-jährige Bernstein hingegen ist in der Hertha-Fanszene gut vernetzt und könnte zumindest den Stein für eine Einigung des zerstrittenen Klubs ins Rollen bringen. Der mit seinem Unternehmen im Neuköllner Industrieviertel ansässige Ex-Ultra will den Klub aus dem Westend zurück in die Mitte der Stadt tragen und mit Transparenz für eine Neuausrichtung des Vereins sorgen.

Ein genaues Programm gibt es noch nicht. Das soll in den Wochen vor der Wahl in großen Runden erarbeitet werden. Es wird um das Stadion gehen, das sich Hertha so lange schon wünscht, es wird darum gehen, die Großbaustellen zu schließen, eine sportliche Kompetenz herauszuarbeiten und irgendwie auch darum, wie Hertha der Ausbruch aus der ewigen Abwärtsspirale gelingen könnte.

Der gerade so noch verhinderte Abstieg macht den Weg für einen Neuanfang im Berliner Westend vielleicht etwas weniger beschwerlich, doch nur der endgültige Absturz des sich seit Sommer 2019 im freien Fall befindlichen Klubs ist dadurch vorerst verhindert worden. Jetzt beginnen die beschwerlichen Arbeiten. Es wird, so viel ist gewiss, lange dauern, bis die klaffenden Wunden der letzten drei Jahre heilen. So richtig optimistisch klingt in Berlin momentan niemand.

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