Die Darts-WM wird am Ende zum Spektakel - Starstube

Die Darts-WM wird am Ende zum Spektakel

Die Darts-WM wird am Ende zum Spektakel

Michael Smith ist die neue Eins
Die Darts-WM wird am Ende zum Spektakel

Von Kevin Schulte, London

Mit ein bisschen Anlauf wird die Darts-Weltmeisterschaft 2023 doch noch zu einem denkwürdigen Turnier. Das liegt am neuen Weltmeister Michael Smith, dem im Finale unterlegenen Topfavoriten Michael van Gerwen und der deutschen Darts-Sensation Gabriel Clemens.

Die Darts-Welt hat eine Nummer eins und einen neuen Weltmeister. Michael Smith holte im dritten Anlauf den ersten Titel im Londoner Alexandra Palace. Die Durststrecke von Topfavorit Michael van Gerwen geht dagegen weiter. Und Darts-Deutschland hat sich vor allem dank Gabriel Clemens endlich in der Weltspitze angemeldet. Nach einem eher mauen Start im Schatten der Fußball-WM, erreicht das Darts-Jahreshighlight im Londoner Alexandra Palace nach Weihnachten ein neues Maß an Spektakel und Drama. Das sind die Lehren der Darts-Weltmeisterschaft 2023.

Der Beste Patz im entscheidenden Moment: Nach vier großen Titeln im vergangenen Jahr war Michael van Gerwen erstmals nach zuvor verhältnismäßig durchwachsenen Jahren als der große Favorit in die WM gegangen. Und der dreifache Weltmeister untermauerte seinen zurückgewonnenen Status als bester Spieler der Welt. In all seinen fünf Spielen bis zum Finale kam der Niederländer jeweils auf einen Punkteschnitt von über 100. Ein überragender Wert. So konstant, so dominant und ungefährdet marschierte kein anderer durch das Turnier. Im Viertelfinale und Halbfinale gewann „Mighty Mike“ gegen seine bemitleidenswerten Gegner Chris Dobey und Dimitri Van den Bergh sogar mit 5:0 und 6:0. Eine beeindruckende Konstanz, die van Gerwen auch vor dem Finale zum Favoriten gegen Smith machte.

Doch ausgerechnet im Finale rutschte der Punkteschnitt des 33-Jährigen das erste und einzige Mal im Turnierverlauf unter die 100er-Marke. In der zweiten Hälfte des Spiels konnte Michael van Gerwen nicht mehr auf dem Niveau vorangegangener Runden spielen. Smith nutzte das aus, macht aus einem 2:3-Rückstand am Ende einen verdienten 7:4-Sieg. Für van Gerwen bleibt der schwache Trost, die 30. Profidart-WM über weite Strecken dominiert zu haben. Doch im entscheidenden Moment leistete sich „MvG“ eine schwache Phase. Der Niederländer muss somit weiter auf den WM-Titel Nummer vier warten.

Michael Smith hat endlich einen klaren Kopf: Dass es Michael Smith bei der WM weit bringen würde, hatten viele Experten und Konkurrenten im Vorfeld des Turniers prognostiziert. Spätestens seit seinem Titelgewinn beim Grand Slam of Darts im November war Smith nach van Gerwen der Spieler mit der besten Form. Und mittlerweile auch einer der mental stärksten Akteure. Smith, der die ersten acht großen Finals seiner Karriere verlor allesamt, darunter zwei WM-Finals, war im bisherigen Verlauf seiner Karriere immer dann nicht zur Stelle, wenn er eigentlich nur noch über die Ziellinie gehen musste. Eine Barriere im Kopf, die es ihm schwer machte, endlich seinen ersten Titel einzufahren. Der Grand-Slam-Triumph hat die Blockade gelöst. Sein damaliger Finalgegner Nathan Aspinall hatte da bereits eine Vorahnung. Der „Bully Boy“ werde von nun an noch gefährlicher sein, so Aspinall, der sich nun bestätigt fühlen dürfte.

Für Michael Smith bedeutet der WM-Triumph nicht nur den zweiten Major-Sieg nach dem Grand Slam, sondern auch den größten Zahltag seiner Karriere. Umgerechnet etwas über 550.000 Euro streicht der 32-jährige Engländer ein. In der auf dem eingespielten Preisgeld der vergangenen zwei Jahre basierenden Weltrangliste grüßt Smith deshalb jetzt von Platz eins. „Ich möchte, weitere Titel holen, sicher, dass ich kein One-Hit-Wonder sein werde“, sagte Smith bei der Sieger-Pressekonferenz im „Ally Pally“.

Die Gefahr ist schon jetzt bekannt. Seinen Status als Topspieler hatte Smith schon vor dem Turnier inne, jetzt hat er ihn eindrucksvoll untermauert. Auch, weil der Engländer gewohnt viele 180er-Aufnahmen ins Board schmetterte. Sein Anteil am neuen 180er-Turnierrekord ist riesengroß. 66 der insgesamt 901 Maximums steuerte Smith bei. Zwei auf dem Weg zu seinem Neun-Darter im spektakulären WM-Endspiel gegen van Gerwen.

Die alten Granden enttäuschen: Peter Wright als Titelverteidiger bei der Darts-WM. Das sollte erneut kein gutes Vorzeichen sein für „Snakebite“. Der Schotte enttäuschte ein Jahr nach seinem zweiten Titelgewinn (im Finale gegen Michael Smith) diesmal auf ganzer Linie. Zwar gewann Wright am Turniertag ungefährdet gegen Mickey Mansell, nach Weihnachten war dem 52-Jährigen aber offensichtlich das Zielwasser ausgegangen. In der Runde der letzten 32 wurde Wright vom Belgier Kim Huybrechts mit 1:4 vermöbelt. Für Wright geht damit ein mehr als durchwachsenes Jahr 2022 zu Ende. Im Sommer hatte er sich einer Operation unterziehen müssen, im Herbst und Winter ging es schließlich seiner Frau und Managerin Joanne gesundheitlich schlecht. Die meldete sich zwar voraussichtlich zur WM fit, befreit schien Wright aber dennoch nicht zu spielen. Das frühe Aus war daher folgerichtig.

Eine saftige Klatsche erlebte auch die zweite schottische Darts-Legende. Gary Anderson schied bei seinem Lieblingsturnier ebenfalls schon in der dritten Runde aus. Gegen seinen alten Schützling Chris Dobey ließ sich der „Flying Scotsman“ mit 1:4 abkochen. Nach einem Finaleinzug 2021 und einem Halbfinale 2022 hat Anderson nun gewaltigen Boden in der Weltrangliste verloren. Von Platz 11 geht es runter auf Rang 22.

Nie war Darts-Deutschland besser: Erstmals in seiner Karriere unter den Top 20 und damit vor Legende Anderson steht Gabriel Clemens. Als erster Deutscher zog der Saarländer völlig überraschend ins Halbfinale ein. Auf dem Weg dahin überlebte Clemens in einem hochdramatischen Drittrunden-Spiel gegen Jim Williams sogar einen Matchdart, bevor er die Partie noch drehen konnte. Der „German Giant“ zog mit einem Sieg über den schottischen Feuerwehrmann Alan Soutar schließlich als erster Deutscher in ein WM-Viertelfinale ein.

Die Rekordjagd geht aber noch einen Schritt weiter, weil Clemens ein aberwitziges Spiel gegen den Weltranglisten-Ersten Gerwyn Preis gewonnen hat. Gegen den „Iceman“, der zwischenzeitlich mit Ohrenschützern spielte, als würde er auf dem Rollfeld eines Flughafens arbeiten, setzte sich Clemens mit 5:1 durch. Erst gegen den späteren Weltmeister Smith war im Halbfinale Endstation.

Auch die deutsche Nummer zwei, Martin Schindler, musste sich nach großem Kampf dem „Bully Boy“ geschlagen geben. In Runde drei war Schindler kurz davor, das Spiel seines Lebens mit einem Sensationssieg zu vergolden. Mit 3:1 Rückstand der Weltranglisten-29. gegen Smith vorne, nur ein Satz vom Weiterkommen entfernt. Doch dann drehte Smith auf, gewann drei Sätze in Folge zum 4:3-Endstand. Das war der Stoff, aus dem späteren Turniersieger sind. Im gesamten Turnierverlauf war kein Spieler so nah dran, Smith zu schlagen, wie Martin Schindler. Der zeigte sich mit seinem Abschneiden aber dennoch zufrieden, hatte er doch beim überzeugenden 3:1 über Martin Lukeman in der Runde zuvor überhaupt ein Spiel bei der WM gewonnen.

Die gute Bilanz der drei deutschen Teilnehmer schmälerte auch Florian Hempel nicht. Bei seiner zweiten Teilnahme im „Ally Pally“ bewies Hempel erneut, dass er sich auf den großen Darts-Bühnen wohlfühlt. Gegen Keegan Brown setzte sich der Ex-Handballspieler in einem dramatischen Spiel mit 3:2 durch. In Runde zwei schnupperte Hempel gegen die Nummer fünf der Welt, Luke Humphries, an der Sensation. Am Ende stand jedoch ein 2:3 aus Sicht des Deutschen zu Buche.

Sportlich überzeugt die WM erst nach Weihnachten: Die verpasste Hempel-Sensation passte ins Bild einer Weltmeisterschaft, die in der ersten Turnierphase bis Weihnachten keine einzige Sensation und höchstens eine kleine Überraschung parat hielt. Sage und schreibe 29 der 32 gesetzten Spieler zogen in die dritte Runde ein. Nie zuvor setzten sich so viele Favoriten in ihren Auftaktspielen durch. Und dass Callan Rydz gegen die aufstrebende Darts-Sensation Josh Rock ausschied, war ebenso wenig überraschend wie der Erfolg des späteren Achtelfinalisten Alan Soutar gegen Daryl Gurney. Allenfalls das Aus des Weltranglisten-Achten James Wade gegen den Waliser Jim Williams war eine kleine Überraschung.

Weilen und die Überraschung ein oder andere Sensation aber zur Frühphase einer WM gehören wie das Salz in der Suppe, brauchte das Turnier diesmal etwas länger, um so richtig begeistern. Emotionale Geschichten wie die des südafrikanischen Hobby-Darters Grant Sampson, der sich im Pub neben seinem Hotel auf sein WM-Debüt vorbereitete und dann auch noch eine Runde überstand, oder aber die Tanz-Einlagen des 52-jährigen US-Amerikaners Leonard Gates hielten das Turnier zu Beginn über Wasser. Genauso der Auftritt von Vladyslav Omelchenko, dem ersten Ukrainer in der Geschichte der Darts-WM. Oder das Debüt der 18-jährigen Topspielerin Beau Greaves. Gabriel Clemens wurde erst im späteren Turnierverlauf zur Sensation, in seinem ersten Spielen war der „deutsche Favorit“ selbst noch Favorit.

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 04. Januar 2023 erstmals veröffentlicht.)

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